KLAN Ausgabe 2/2009
Sebastian Quillmann
»Es ist kein Fachbuch, es sind alles Geschichten«, erläutert Dr. Sandra Lechleiter ihr neues Buch. Auf der InterKoi präsentierte sie »Tatort Koiteich«, eine Sammlung von Geschichten aus ihrer zehnjährigen Praxis als Fisch- und vor allem Koi-Tierärztin.
Es gibt viele gute Bücher, die beschreiben, woran Koi erkranken. Über Würmer, Viren und andere Erreger hat nicht zuletzt auch Dr. Lechleiter Standardwerke geschrieben, die in jedes Regal gehören. Doch bislang fehlte ein Buch zur vielleicht häufigsten Krankheitsursache bei Koi: beste Absichten, vermeintlich gute Ideen, Missverständnisse – kurz gesagt, der Faktor Mensch.
Statt einer Gebrauchsanweisung, was der Mensch nun besser tun und lassen sollte, hat die Autorin das einzig Richtige getan: Sie hat niedergeschrieben, was sie selbst als Tierärztin an Teichen erlebt hat. Geschichten, die mehr lehren, als tausend gute Ratschläge – Geschichten, die sich einprägen.
Bereits bei der Durchsicht der Kapitelüberschriften öffnet sich im Kopf des Lesers ein buntes Bilderbuch von Szenarien, von denen jeder Koi-Freund schon das eine oder andere durchlitten hat – wobei die eigentlichen Leidtragenden stets die Fische sind. »Wenn die Koi vor dem Filter da sind«, heißt eine Geschichte, »Dampfstrahler für Japanmatten« eine andere.
Diese Titel kommen so süffisant daher, dass man unwillkürlich schmunzeln muss, auch wenn sich manch trauriges Schicksal dahinter verbirgt. Den schmalen Grat zwischen feiner Ironie und notwendigem Ernst, zwischen Augenzwinkern und Respekt vor den Menschen und ihren Koi in Not, beschreitet Sandra Lechleiter gekonnt. Die Rücksichtnahme auf die Betroffenen erschöpft sich nicht in deren Anonymisierung.
Dennoch ist es ein Buch der klaren Worte – und ein Satz zieht sich wie ein roter Faden hindurch: »Ich wunderte mich, dass hier noch so viele Fische am Leben waren.« Die Autorin führt uns an Teiche, die einfach nicht mit den Fischen mitwachsen wollten. Wir lesen über Filter voller Faulschlamm und solche, die mit Elan und Dampfstrahler von jeglichem Biofilm befreit wurden. Wir treffen auf luftdichte Teichabdeckungen und staunen über eine Goldorfe, die als einzige einen pH-Wert von 12 überlebt hat.
In dem merkwürdigen Wechselspiel zwischen Entsetzen und Erheiterung, das den Leser befällt, fallen die frechen kleinen Koi-Cartoons eindeutig unter die heiteren Augenblicke. Ein bibbernder Koi im Wintermantel, ein anderer mit Gasmaske – ein wenig erinnern die karikierenden Bilder an die Cartoons aus »Manual to Nishikigoi« von Takeo Kuroki. Die Geschichten sind in ihrer Summe immer tragisch, oft komisch und manchmal skurril – oder hätten Sie gewusst, was ein Ferkelstarter ist, geschweige denn, was er mit der Aufzucht junger Koi zu tun hat? An dieser Stelle sei nicht zu viel verraten …
Der Koi-Teich wird allzu oft zum Tatort – dieses Eindruckes kann man sich nach Lektüre des Buches nicht erwehren. Doch bei den Taten handelt es sich in der Regel nicht um »Mord«, wie es mancher Koi-Liebhaber vermutet, der voreilig seinen Nachbarn mit der Giftspritze bezichtigt. Die meisten Koi werden Opfer »fahrlässiger Tötung«.
»Tatort Koiteich« ist eine unterhaltsame Lektüre, die vielleicht anschaulicher macht, worauf es bei der Pflege von Koi ankommt, als es Fachbücher allein könnten. In jedem Fall ist es ein Buch, das Schlaglichter auf eine besondere Spezies Mensch wirft – den Koi-Liebhaber.
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